Mutmaßliche Einbrecher-Bosse vor Gericht

So viel Beute wie möglich

Selten gelingt es der Polizei, in die Führungsebene krimineller Organisationen vorzudringen. Nun jedoch sind Bosse eines Clans angeklagt, der zeitweise für jeden fünften Einbruch in Deutschland verantwortlich gewesen sein soll.

An einem Freitagmorgen im Juni 2016 dringt jemand in das Haus der Eheleute D. im Münchner Stadtteil Schwabing ein. Er durchsucht das Anwesen, findet etwas Bargeld - Euro, Dollar, Schweizer Franken, britische Pfund - und dann entdeckt er den Schmuck. Geschmeide im Wert von etwa 100.000 Euro rafft er zusammen, dazu noch zwei Goldmünzen. Wahrscheinlich kann der Mann sein Glück selbst kaum fassen. Doch er ahnt nicht, dass die Polizei ihm bereits auf den Spuren ist.

Knapp ein Jahr später geben die Münchner Ermittler bei einer Pressekonferenz bekannt: Sie haben eine internationale Einbrecherbande ausgehoben, die für jeden fünften Einbruch in Deutschland zwischen Sommer 2016 und Frühjahr 2017 verantwortlich sein könnte - auch den in Schwabing. Falls sich die Vorwürfe vor Gericht bestätigen sollten, ist es ein gewaltiger Erfolg der Strafverfolger.

Denn die Münchner Fahnder beschränkten sich in ihren Ermittlungen nicht auf die kleinen Fische.

Ihr Ehrgeiz war es, in einem sogenannten Strukturverfahren an die Hintermänner derer heranzukommen, die zum Klauen nach Deutschland geschickt werden. (Lesen Sie im aktuellen SPIEGEL, wie die Ermittler der Bande auf die Schliche kamen.) Es könnte ihnen gelungen sein.

Die Staatsanwaltschaft München I hat nun Anklage gegen zwei Frauen und drei Männer aus Kroatien erhoben, die zur Führungsebene der international agierenden Einbrecherbande gehören sollen. Jovanka V., 49, und ihr Mann Rade, 48, gelten den Ermittlern als Köpfe des Roma-Clans.

Sie legten laut Anklage von Kroatien aus fest, wer zu den Diebstählen ausrückte und setzten ihre Handlanger - zumeist junge Frauen und Mädchen - telefonisch unter Druck.

Unter dem Paar agierten nach Erkenntnissen der Ermittler die Söhne der Eheleute V.: Drago S., 30, und Giorgio V., 21. Sie lebten als sogenannte Residenten in Gelsenkirchen - ebenso wie die ebenfalls angeklagte Viki B., 51 - und betreuten die eingereisten Einbrecherinnen vor Ort.

"Stark aufgebauscht"

Die Verteidiger haben indes starke Zweifel an den Inhalten der 41-seitigen Anklage. "Das Verfahren wird stark aufgebauscht", sagt der Münchner Rechtsanwalt Bernhard von Brück, der Giorgio V. vertritt. "Meiner Ansicht nach übertreiben die Behörden in ihrem Verfolgungseifer. Viele Vorwürfe gegen meinen Mandanten werden sich in der Hauptverhandlung auflösen." Auch Rechtsanwalt Thorsten Dercar aus Essen, der Viki B. verteidigt, hält die Anklage für "sehr gewagt".

Zudem sei die Schätzung der Ermittler nicht haltbar, die Angeklagten seien für jeden fünften Einbruch in Deutschland verantwortlich gewesen. "Wir haben einen umfangreichen Prozess vor uns", sagt Dercar.

Die Münchner Staatsanwaltschaft hat insgesamt 14 Einbrüche angeklagt, für die das Quintett verantwortlich sein soll. Zehn Taten ereigneten sich in Nordrhein-Westfalen, zwei in Hessen, eine in Niedersachsen und eine in Bayern. Das Vorgehen ähnelte sich in allen Fällen. Zumeist schickten die Bosse laut Anklage zwei oder drei jüngere Mitglieder des Clans in eine Gegend, um dort in kürzester Zeit so viel Beute zu machen wie möglich. Die Einbrecher suchten demnach gezielt nach Geld, Schmuck, Handys und übergaben die Beute anschließend den Residenten.

Wurden die Täter zufällig geschnappt, präsentierten sie Wohnsitze in Deutschland, um nicht in Untersuchungshaft zu kommen. Klappte das, setzten sie sich möglichst schnell ins Ausland ab.

Etwa anderthalb Jahre lang verfolgten die Münchner Ermittler die Spuren des Roma-Clans. Sie hörten Telefonate ab, analysierten Facebook-Profile, filzten Konten, durchsuchten Wohnungen. Dabei entstand das Sittenbild einer der wohl größten Einbrecherbanden, die je in Deutschland unterwegs war: Etwa 500 Menschen aus rund 30 Familien gehören zu der Gruppe, wie es in einem Polizeibericht heißt. Sie verstünden sich als "kriminelle Parallelgesellschaft", die Werte und Normen der bürgerlichen Welt ablehne. Es sei wie bei der Mafia.

"Runden drehen"

Das Geschäftsmodell: Einbrüche. Von ihrer Heimat Kroatien aus reisen Bandenmitglieder durch Europa, grasen ein paar Wochen Zürich ab, fahren dann ins Ruhrgebiet, ziehen weiter nach Berlin. Stets auf der Suche nach schneller Beute.


Regelmäßig wechseln die Mitglieder des Clans ihre Namen. In Kroatien lässt sich das ganz legal machen. Damit ist es für Ermittler in anderen Ländern schwierig, das Vorstrafenregister einer Person zu überblicken. Dann kommen die Täter, wenn sie denn einmal geschnappt werden, glimpflich davon.

Schon die Kinder des Clans werden nach Erkenntnissen der Ermittler auf eine kriminelle Karriere vorbereitet, die dort als völlig normal gilt. Berufe erlernten sie zumeist nicht, Bildung spiele keine Rolle. Die Beamten belauschten ein Telefonat, in dem eine Roma-Frau zu einer anderen sagte: Es sei besser, wenn ein Kind auf dem Markt Luftballons verkaufe, als dass es in die Schule gehe.

Während der Taten, das haben die Ermittler festgestellt, telefonieren die Einbrecher ständig mit ihren Vorgesetzten. Sie sprechen in Codewörtern: Einbrechen heißt "Runden drehen". Beute ist "Essen". Geld heißt "Läuse". (Das Diebesgut können Sie sich hier ansehen, Stichwort "Cucina".)

Die Trupps spähen Häuser und Wohnungen laut Polizei meist nicht aus, sondern schauen spontan, wo man gut einsteigen kann.

Die Welt des Clans ist den Berichten der Polizei zufolge archaisch. Die Männer bestimmen, Frauen gehorchen. Gewalt ist ein probates Mittel, um Streit zu schlichten. Familienoberhäupter arrangieren Ehen. Und der Wert einer Frau lässt sich in Euro bemessen - je nachdem, wie gut sie einbricht. Die Polizisten kennen aus abgehörten Telefonaten Brautpreise zwischen 45.000 und 140.000 Euro.

Den Reichtum, den die Familien mit der Zeit angehäuft haben, zeigen sie in Kroatien offen. Bei Durchsuchungen der Anwesen fanden Ermittler Marmor und wertvolle Möbel, Springbrunnen verzieren die Gärten. Es gelte das Motto, notierte ein Beamter: "Man zeigt, was man hat."

Quelle