Raubkopien von Rockstars verkauft

Ein 61-Jähriger aus Reichenbach soll in großem Stil Schallplatten, CDs und DVDs illegal unters Musikvolk gebracht haben. Jetzt sitzt er auf der Anklagebank im Landgericht Stuttgart.

Es ist eine riesige Latte von Urheberrechtsverletzungen, die der Staatsanwalt Eike Fesefeldt dem Angeklagten zur Last legt. Ein 61-Jähriger aus Reichenbach soll in den Jahren 2011 bis 2016 rund 1,3 Millionen Medienträger aus dem Bereich der Rockmusik illegal kopiert haben. Einen kleineren Teil davon habe er bereits verbreitet, den größeren eingelagert, um ihn nach und nach zu verkaufen.

Der Angeklagte schweigt zum Prozessbeginn

Der gebürtige Esslinger auf der Anklagebank hörte sich die Anklageschrift ohne äußere Regung an. Gleich zum Prozessauftakt am Montag am Landgericht Stuttgart ließ der beschuldigte 61 Jahre alter Mann über seine beiden Anwälte erklären, dass er in dem bis zum 20. Februar terminierten Verfahren an der 11. Großen Wirtschaftsstrafkammer in Stuttgart weder zu seiner Person noch zu den Vorwürfen selbst Angaben machen werde.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Reichenbacher wiederholt nach Asien gereist ist, um sich in Ländern wie Japan Musikaufnahmen zu beschaffen. Weiter soll er für seine mutmaßlich kriminellen Machenschaften Musikdateien auch über File-Sharing aus dem Internet bezogen haben. Treffen die Vorwürfe zu, dann hat der 61-Jährige in dem genannten Zeitraum zwei in Sachsen und in Warschau ansässige Unternehmen mit der Produktion von Vinyl-Schallplatten, CDs und DVDs beauftragt. Diesen beiden Firmen soll er fälschlicherweise vorgespiegelt haben, dass er im Besitz der Rechte sei.

Beatles, Rolling Stones, Bob Dylan und U 2 illegal gepresst

Die beiden Auftragnehmer hätten dann Subunternehmen mit der Produktion der Musikware beauftragt. Das Gros der Medienträger machten CDs und DVDs aus. Mit rund 100 000 Exemplaren entfiel der kleinere Teil auf Langspielplatten. Über Online-Marktplätze wie Ebay oder Discogs habe er die Musik im Netz feilgeboten – darunter Konzertmitschnitte sowie Studioaufnahmen von Rockgrößen wie den Beatles, Rolling Stones, Bob Dylan, Eric Clapton, Bruce Springsteen, Neil Young, David Bowie, U 2 und vielen anderen.

Mindestens 31 000 Medienträger habe der Angeklagte im fraglichen Zeitraum überwiegend im europäischen Ausland abgesetzt. Die Preise variierten von drei Euro bis acht Euro für CDs und DVDs, beim Vinyl habe die Spanne bei zwölf bis 18 Euro gelegen. Durch die Verkäufe sollen insgesamt circa 315 000 Euro auf das Bankkonto des 61-Jährigen geflossen sein.

Ermittler stellen 100 000 Euro Bargeld sicher

Schließlich setzte die Polizei dem nach Überzeugung der Stuttgarter Staatsanwaltschaft illegalen Treiben ein Ende. Bei einer Durchsuchung der Reichenbacher Wohnung vor knapp zwei Jahren stießen die Ermittler auf belastendes Material in Form von CDs inklusive Cover und Booklets. Zudem stellten sie 100 000 Euro in bar sicher.

Neben der Wohnung in Reichenbach soll der Angeklagte noch vier Lager in Altenriet, Ebersbach, Wäschenbeuren (beide Kreis Göppingen) und Rosengarten (Kreis Schwäbisch Hall) unterhalten haben. Laut der Anklage hat der 61-jährige Mann an den Standorten insgesamt rund 1,4 Millionen Medienträger gehortet – fertig konfektioniert für den Versand.

Staatsanwalt sieht die Spitze eines Eisbergs

Da der Haftrichter bei dem Angeklagten angesichts seiner häufigen Auslandsreisen eine Fluchtgefahr gesehen hat, sitzt dieser seit September 2016 in Untersuchungshaft. Damals hatte der 61-Jährige noch spärliche Angaben zu seiner Biografie gemacht.

Demzufolge hat er Mathematik und Wirtschaftswissenschaften studiert, das Studium aber bereits nach dem Vordiplom abgebrochen.

Der Staatsanwalt geht indessen von der Spitze eines Eisbergs aus. Er ist überzeugt, dass der Angeklagte bereits seit 20 bis 30 Jahren „im Geschäft“ ist. Auf die Spur des Reichenbachers gekommen war ein privater Musik-Fahnder, der im Auftrag von geprellten Firmen handelt. Geschädigte Plattenlabels wie Universal, Warner und andere sind in diesem aktuellen Verfahren am Landgericht als Nebenkläger beteiligt.
stuttgarter-nachrichten.de