Fußball ist der korrupteste Sport der Welt
In seinem neuen Buch beschreibt Brett Forrest, wie Syndikate Millionen mit Manipulationen verdienen. Auf die Schliche kommt man ihnen unter anderem mit Algorithmen.

Die Ermittlungen zur „Operation:Last Bet“ erschütterten die italienische Fußballwelt in die Grundfesten: 15 Klubs sowie 24 Spieler, Schiedsrichter und Trainer waren in massive Spielmanipulation verwickelt. 2011 verhaftete die türkische Polizei aus dem gleichen Grund einhundert Fußballspieler. Ein chinesischer Schiedsrichter mit dem klingenden Spitznamen „die goldene Pfeife“ hatte 128.000 US-Dollar an Schmiergeld kassiert und wurde dafür zu fünf Jahren Haft verurteilt. Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen. „In 60 Ländern ermitteln Behörden wegen Spielmanipulation“, erklärt Brett Forrest, Reporter beim ESPN-Magazine, in dem Buch Schattenspiele.

Laut Schätzung des europäischen Polizeiamtes Europol ging es seit 2008 bei 700 Spiele nicht mit rechten Dingen zu. Vom Freundschaftsspiel bis zur Weltmeisterschaftsqualifikation. „Das organisierte Verbrechen hat es auf Fußball abgesehen, weil dort das große Geld liegt“, so Brett Forrest. Denn international werden 70 Prozent aller Sportwetten auf die Kicker abgegeben.

Die Revolution der Sportwetten im Internet
Es war einmal, - da gab man seinen Wettschein ab, setzte sich ins Stadion oder vor den Fernsehapparat und hoffte das Beste. Das Internet revolutionierte Sportwetten durch neue, attraktive Produkte wie In-Game-Betting: Man kann auch während des Spiels wetten, und die Quoten ändern sich dabei ständig. Durchs Internet entstand außerdem ein globaler Sportwettenmarkt. „Und diese Entwicklung traf mit dem Wirtschaftsboom in China zusammen“, erklärt Brett Forrest. Das Resultat: Asien wurde zum globalen Zentrum der Sportwetten mit Macao als inoffizieller Hauptstadt. „In Macao spielt sich fast zehn Mal so viel ab wie in Las Vegas.“

Einer der berüchtigsten Fixer, Wilson Raj Perumal, 48, stammt aus Singapur und sitzt derzeit in Ungarn ein. England, Singapur und Australien stellten sich schon um seine Auslieferung an. Der Tamile hatte über Jahre Spieler, Trainer und Schiedsrichter in der Tasche. Das Kapital bezog er von einem Singapurer Syndikat. Doch Perumal mochte die Spielregeln nicht und „investierte“ die Millionen lieber so, wie es ihm passte. „Außerdem war er seinen Bossen nicht diskret genug. Auf seine Facebookseite stellte er Fotos von sich mit Fußballspielern.“ Seine Auftraggeber in Singapur hatten schließlich genug. Bei der finnischen Polizei landete eine Anzeige, Perumal reise mit einem gefälschten Pass. Der Fixer wurde prompt verhaftet. „Sobald ihm klar wurde, dass man ihn verraten hatte, schwor er Rache.- Und packte aus.“

Mit Algorithmen gegen die Wettmafia
In seinem Meisterstück jubelte Perumal den Southern Stars, einer australischen Halbprofi-Mannschaft, einen Trainer samt ein paar Spielern unter. Die australischen Behörden wurden schließlich doch schlau. Im Rahmen verdeckter Ermittlungen versteckten sie sogar Mikrofone in den Torpfosten. Und so hörten sie prompt, wie einer der Verteidiger zum Torwart sagte: „Lass den nächsten Ball rein.“

Dass die Schieberei bei Spielen der Southern Stars aufflog ist Sportradar zu verdanken. Zu den Kunden des von Carsten Koerl gegründeten Sicherheitsdienstes zählen mittlerweile etliche nationale Fußballverbände sowie die UEFA. Sportradar analysiert eine ganze Reihe von Faktoren: den Austragungsort, die relative Spielstärke der Gegner, ob Spieler verletzt sind oder Wetterdaten. „Wenn Sportradar bei einzelnen Buchmachern Quoten auffallen, die so gar nicht mit zu dem errechneten Durchschnittswert passen“, so Brett Forrest, „dann stimmt etwas nicht.“ Im Fall der Southern Stars informierte Sportradar den australischen Fußballverband über befremdliche Wettmuster.

Die Verlierer sind die Fans
Der Weltfußballverband FIFA allein kann gegen die Syndikate nichts ausrichten. „Doch FIFA könnte Signale setzen“, kritisiert Brett Forrest. „Das tut sie aber nicht. Dazu ist die FIFA viel zu sehr mit internen Skandalen und Geldverdienen beschäftigt.“ Spielmanipulationen gehörten mit den gleichen Mitteln bekämpft wie Waffen- oder Drogenhandel. „Man muss die Syndikate infiltrieren. Nur so erfährt man, welche Fixer es auf welche Mannschaften abgesehen haben.“

Spielmanipulationen gefährden auf lange Sicht den Sport an sich, glaubt Brett Forrest. Denn nach und nach geht das Vertrauen der Fans verloren. Bei der Fußball-WM in Brasilien hat es bisher wahrlich nicht an zweifelhaften Schiedsrichterentscheidungen gemangelt: Etwa gleich zum Auftakt der Elfmeter im Spiel Brasilien gegen Kroatien, der der Gastgebermannschaft höchst gelegen kam.

„Ich glaube nicht, dass bisher irgendwo Schiebung vorlag“, meint der Sportreporter. „Doch selbst wenn diesmal alles mit rechten Dingen zugegangen ist: Viele Fans werden sich dennoch wundern.“ Ein Zeichen, dass der Glauben an die Ehrlichkeit des Spiels verloren geht.
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