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    Das uruguayische Experiment

    Drogen-Experiment in Portugal: Speed für zehn Tage ist erlaubt
    Im Krieg gegen die Drogen hat Portugal die Strafen für Konsumenten gestrichen. Wer mit kleinen Mengen Marihuana, Kokain oder Heroin erwischt wird, kommt nicht mehr vor Gericht. Die Justiz wertet den Besitz als Ordnungswidrigkeit - wie Falschparken. Funktioniert das?

    João Goulão führte eine Hausarztpraxis in Faro an der Algarve-Küste, bevor er in den weltweiten Krieg gegen die Drogen geriet. Er wirft sein Jackett ab, sein Hemdkragen sitzt schief, er ist 58 Jahre alt und wirkt ein wenig müde von den vielen Reisen, die er in letzter Zeit unternimmt. Die Welt will genau wissen, wie der Versuch in Portugal läuft. Goulão kann nicht mehr alle Einladungen annehmen, er legt die Briefe auf die Papierberge auf seinem Schreibtisch.

    Von seinem kleinen Büro über Lissabon, in dem an diesem Morgen die Klimaanlage ausgefallen ist, wacht João Goulão über einen der weltweit größten Versuche in der Drogenpolitik.

    Heroin: ein Gramm, Kokain: zwei Gramm, Cannabis (Kraut): 25 Gramm, Cannabis (Harz): fünf Gramm. Das sind die Drogenmengen, die man in Portugal bei einem Dealer kaufen darf, die man bei sich haben darf, in der Hosentasche durch Lissabon tragen etwa, ohne eine Strafe befürchten zu müssen.

    MDMA, das ist der Wirkstoff in Ecstasy-Pillen, oder Amphetamine, also Speed, Crystal, "Vitamin A": jeweils ein Gramm. Das sollte reichen für jeweils zehn Tage.

    Die Mengen stehen in einer Tabelle im Anhang des Gesetzes 30/2000. Goulão hat sich das Gesetz mit ausgedacht, durch das sein Land zu einem internationalen Vorbild in der Drogenpolitik geworden ist. Mit dem Gesetz schlug Portugal einen neuen Weg ein: die Entkriminalisierung aller Drogen.

    "Vielleicht bekommt man sie so besser in den Griff, dachten wir. Die Kriminalisierung hatte ja nicht so gut funktioniert", sagt Goulão.

    Eine Ordnungswidrigkeit - ähnlich wie Falschparken
    Portugal hat im Krieg gegen die Drogen die Strafen für Konsumenten gestrichen. Die Substanzen aus der Tabelle des Gesetzes 30/2000 sind zwar auch in Portugal weiterhin verboten. "Sonst hätte es wohl auch Ärger mit der Uno gegeben", sagt Goulão. Aber wer diese Drogen nimmt, begeht nur noch eine Ordnungswidrigkeit. So ähnlich wie beim Falschparken.

    Warum Drogen für zehn Tage?

    "Tja, es ist eine Grenze, so willkürlich wie jede andere Grenze auch", sagt Goulão. Als einer der Fachleute, die damals das Gesetz entwarfen, ist er nun Chef des nationalen Anti-Drogen-Programms, ein wichtiger Mann in der Gesundheitspolitik, aber er klingt immer noch wie ein gelassener Familiendoktor. Auf sein Fensterbrett hat er Fotos gestellt, auf denen er neben Richard Branson zu sehen ist, dem britischen Milliardär und Ballonfahrer, und neben der Königin von Spanien. Auch sie hat er bereits über den Versuch informiert.

    "Es gab damals kaum Erfahrungswerte. Wir waren uns keineswegs sicher, dass es gut geht", sagt er.

    Wie bringt ein Staat seine Bürger davon ab, gefährliche Drogen zu nehmen? Man kann gegen die Anbieter vorgehen, die Kartelle, die Zwischenhändler, die Straßendealer. Man kann aber auch gegen die Kunden vorgehen, sie festnehmen, vor Gericht stellen, einsperren. Verfolgung also, Repression und Abschreckung auf beiden Seiten, die meisten Staaten machen das so.

    Abschied von der Idee einer drogenfreien Welt
    "Man muss die Menschen davon abhalten, Drogen zu kaufen, Drogen zu nehmen, mit allen Mitteln", sagt Manuel Pinto Coelho, 64, der letzte große Gegner von Goulãos Versuch in Portugal. Er will, dass sein Land zur Normalität zurückkehrt. Zum harten Krieg gegen die Drogen, wie ihn große Teile der Welt führen.

    Auch Pinto Coelho ist Arzt und erfahren in diesem Krieg, er leitete Entzugskliniken, schrieb Bücher über die Sucht. Nun streitet er gegen ehemalige Kollegen, "gegen das System", wie er sagt.

    Pinto Coelho ist vor allem besorgt darüber, dass sein Land eine Idee aufgegeben hat: die Idee einer drogenfreien Welt. Wie sollen sie die Jugend von dem Zeug fernhalten? Wenn jeder weiß, wie viele Pillen er mit sich herumtragen kann? Pinto Coelho glaubt, dass Abschreckung immer noch die beste Prävention ist, er glaubt an den harten Entzug als Behandlungsmethode, er kämpft auch gegen das umfassende Methadonprogramm, das Portugal mit der Reform der Drogenpolitik begonnen hat. Zehntausende Heroinabhängige bekommen seitdem die Ersatzdroge.

    Inzwischen verdient Pinto Coelho sein Geld mit Diätkliniken. Abends schreibt er Briefe in alle Welt, Aufsätze, entwirft Vorträge über das "irrwitzige Drogenexperiment" in seinem Land. Um die Welt zu warnen, reist er zu Symposien. In Portugal ist er mit seiner Kritik zum Außenseiter geworden, aber im Ausland findet er Gehör, sagt Pinto Coelho. Wie als Beweis zeigt er ein "Fact Sheet" aus dem Büro für Drogenpolitik im Weißen Haus, ein kurzer, skeptischer Bericht über den Versuch in Portugal.

    Die Freiheit, die das Land überforderte
    Wenn João Goulão erklären will, wieso sie ausgerechnet in Portugal auf die Idee kamen, die Strafen für die Kunden zu streichen, beginnt er bei der Nelkenrevolution.

    1974 befreite sich Portugal aus der Militärdiktatur, nach beinahe fünfzig Jahren, die Soldaten trugen Blumen in den Gewehrläufen. "Plötzlich waren die Drogen da", sagt Goulão. Die Leute, die aus den Kolonien heimkehrten, brachten Marihuana mit. Auch Goulão kiffte damals, er war Anfang zwanzig, "Drogen verhießen Freiheit", sagt er.

    Aber es war eine Art Freiheit, die das Land bald überforderte. Goulão machte seine Praxis in Faro auf, bald kamen die Eltern zu ihm, deren Kinder nicht mehr Joints rauchten, sondern Heroin, manchmal kamen auch die Kinder. Goulão hatte keine Ahnung, wie er sie behandeln sollte. Als in Lissabon die erste staatliche Entzugsklinik öffnete, ließ er sich weiterbilden.

    Die Epidemie, sagt er, begann da gerade erst. Die Heroinseuche.

    In den achtziger Jahren gelangte viel billiges Heroin nach Europa, aus Afghanistan, Pakistan, die Seuche erwischte nicht nur Portugal. Aber Portugal traf sie besonders schlimm, sagt Goulão, weil man hier noch so wenig wusste über den Umgang mit Drogen, "wir waren naiv", sagt er.

    "Wer Drogen nimmt, ist nicht kriminell, sondern krank"
    Zwar nahmen in Portugal, verglichen mit anderen Ländern, nicht viele Leute illegale Drogen, die Rate war niedrig. Aber von denen, die Drogen nahmen, gehörten besonders viele zur Gruppe der "problematischen Konsumenten", wie es in der Sprache der Experten heißt.

    Er kramt auf seinem Schreibtisch nach dem Manuskript des Vortrags, den er zuletzt in Paris gehalten hat, blättert zu einer Zahl: 100.000. Die Zahl der schwer Abhängigen auf dem Höhepunkt der Seuche, Mitte der neunziger Jahre, knapp zehn Millionen Einwohner hatte Portugal damals. Die Rate der Süchtigen, die sich mit HIV ansteckten, lag weit höher als in den meisten anderen europäischen Ländern.

    In Lissabon entstand ein Drogen-Slum, am Rand des Viertels Casal Ventoso. Die Junkies schliefen in Hütten, im Müll, wie in der Dritten Welt. "Sie spritzten sich auf der Straße, sie starben auf der Straße", sagt Goulão. Jeder Portugiese konnte zusehen, im Fernsehen, auf Fotos in den Zeitungen, von der nahen Schnellstraße aus.

    Das war die Lage, als die Regierung eine Anti-Drogen-Kommission einberief, elf Experten, darunter Goulão, die meisten waren keine Politiker.

    "Wer Drogen nimmt, ist nicht kriminell, sondern krank", sagt Goulão. Nicht alle finden diesen Satz richtig, Pinto Coelho tut es nicht. Aber auf diesen Satz einigten sie sich damals schnell. Auf diesem Satz beruht die Anordnung für den portugiesischen Versuch, ohne Abschreckung auszukommen im Umgang mit Konsumenten.

    Drogen nach wie vor beschlagnahmt und vernichtet
    Goulão sagt diesen Satz oft, seine Mitarbeiter sagen diesen Satz oft, die Ärzte der staatlichen Drogenkliniken sowieso. Aber auch ein Kommissar der Lissabonner Polizei, dessen Männer jeden Tag nach Drogen suchen, sagt diesen Satz.

    Aus ihm folgt: Wer nicht kriminell ist, sollte auch nicht wie ein Krimineller behandelt werden. Verhaftet, vor Gericht gestellt, ins Gefängnis geworfen werden, womöglich. Bis zu ein Jahr Haft für Drogenbesitz, das galt in Portugal vor der Entkriminalisierung.

    Goulão lässt gerade berechnen, wie viel Geld die Justiz gespart hat, Gerichte, Gefängnisse, seit sie sich nicht mehr mit Leuten abgeben müssen, bei denen die Polizei ein paar Gramm Drogen gefunden hat. Der Versuch läuft jetzt seit fast zwölf Jahren, damals trat das Gesetz 30/2000 in Kraft.

    "Die Polizei durchsucht die Leute übrigens immer noch nach Drogen", sagt Goulão. Haschisch, Kokain, Ecstasy, alles wird in Portugal nach wie vor beschlagnahmt, vernichtet.

    Vorher werden die Drogen gewogen, es gilt die Tabelle mit den Zehn-Tages-Grenzwerten. Wer mehr dabei hatte, gilt als Dealer und kommt vor einen Richter. Wer weniger dabei hatte, dem sagen die Polizisten, dass er sich in den nächsten 72 Stunden bei einer "Kommission für die Abmahnung der Drogensucht" melden soll.

    Konsequenzen gibt's beim zweiten Mal
    Die Kommission von Lissabon etwa ist in der ersten Etage eines unauffälligen Bürogebäudes untergebracht. Niemand soll fürchten, hier gesehen zu werden. In einem Raum wartet ein 19-Jähriger in einem weißen Poloshirt, bei dem die Polizei am Wochenende knapp ein Gramm Haschisch fand. Eine Sozialarbeiterin hat ihn eine halbe Stunde lang befragt, er war auf der Landwirtschaftsschule, wohnt bei den Eltern, kifft ab und zu, erzählte er ihr. Er wurde zum ersten Mal erwischt.

    "Gelegenheitsnutzer, keine Risikofaktoren", notierte die Sozialarbeiterin.

    Nun reden ein Psychologe und eine Anwältin mit ihm, sie wollen wissen, ob er die Gefahren von Cannabis kennt.

    "Ja, ja, aus der Schule, wir hatten Prävention", sagt er.

    Wenn er sich in den nächsten drei Monaten nicht noch mal erwischen lässt, wird sein Fall geschlossen. "Wir informieren niemanden, dass du hier warst, es gibt keinen Eintrag ins Vorstrafenregister", sagt die Anwältin, "aber beim zweiten Mal gibt's ernste Konsequenzen."

    Wenn man sie bittet, das zu erklären, fällt ihr aber nichts ein, was besonders ernst klingt. Möglicherweise ein paar Tage gemeinnütziger Arbeit. Die Kommission kann Geldbußen verhängen, bei Jugendlichen mache man das nicht gern. Für Leute, die als Abhängige eingeschätzt werden, sind Geldbußen nicht vorgesehen. Sie müssen schließlich schon ihre Sucht finanzieren. "Unsere wichtigste Aufgabe ist es, Menschen zu einer Therapie einzuladen", sagt die Anwältin. Etwa 1500 Leute schickt ihnen die Polizei in Lissabon im Jahr, kaum fünf am Tag, in siebzig Prozent aller Fälle geht es um Cannabis. Wer nicht kommt, wird ein paar Mal erinnert. Zwang ist nicht vorgesehen im neuen System.

    Entkriminalisierung - keine Legalisierung
    Abmahnungen, Erinnerungsbriefe, Einladungen zur Therapie. Es geht sanftmütig zu in Portugals Krieg gegen die Drogen.

    "Humanistisch und pragmatisch", sagt João Goulão. Sie setzen auf Entkriminalisierung, nicht zu verwechseln mit Legalisierung, auch das gab es schon als Idee, aber soweit wollten sie dann doch nicht gehen.

    Als die Abgeordneten den Vorschlag für das Gesetz 30/2000 diskutierten, sagten die Rechten: Jeden Tag werden Flugzeuge in Portugal landen, mit Leuten, die sich mit Drogen vollpumpen wollen. Unser ganzes Land wird sich in einen Drogen-Slum verwandeln. Aber die Linken waren in der Mehrheit.

    Goulão, der über den Versuch in Portugal wacht, blättert in seinem Büro durch seine Schaubilder, Tabellen, Grafiken, sie haben in all den Jahren viele Daten erhoben.

    Die Daten sagen, unter anderem: Die Zahl der erwachsenen Portugiesen, die schon mal illegale Drogen genommen haben, steigt. Die Zahl der Teenager, die schon mal illegale Drogen genommen haben, sinkt. Die Zahl der Drogenabhängigen, die eine Therapie machen, ist stark gestiegen. Die Zahl der Drogenabhängigen, die sich mit HIV infizieren, ist stark gesunken. Aber was bedeuten die Zahlen? Womit soll man sie vergleichen? Aus der Zeit vor dem Versuch gibt es nicht viele Daten. In den meisten Ländern Europas steigt die Zahl der Erwachsenen, die irgendwann in ihrem Leben schon mal illegale Drogen probiert haben.

    Ohne Vorsorgeprogramme und Drogenkliniken sinnlos
    "Wir haben kein Wundermittel gefunden", sagt Goulão. Seine Bilanz immerhin, nach fast zwölf Jahren, ist: "Durch die Entkriminalisierung ist das Problem nicht schlimmer geworden."

    Seine größte Sorge ist im Moment die Sparpolitik der Regierung im Gefolge der Euro-Krise. Ohne Vorsorgeprogramme, ohne Drogenkliniken und Sozialarbeit auf der Straße mache die Entkriminalisierung keinen Sinn. 75 Millionen Euro gab Portugal vor der Krise pro Jahr für diese Anti-Drogen-Programme aus, zuletzt wurden Goulão ein paar Millionen gestrichen, aber wenn die Krise im Land schlimmer wird, wird das Geld vielleicht nicht mehr reichen.

    In Lissabon hat die "Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht" ihren Sitz, ein Zufall. Dort arbeitet Frank Zobel, der unterschiedliche Wege in der Drogenbekämpfung analysiert. Er kann "die größte Innovation in diesem Bereich" gleich vor seinem Büro betrachten.

    Es gebe keine Drogenpolitik, die Menschen ernsthaft daran hindern könne, Drogen zu nehmen, sagt er. Ihm sei jedenfalls kein in diesem Sinne funktionierendes Modell bekannt.

    Frank Zobel sagt also: "Das funktioniert hier. Der Drogenkonsum geht nicht massiv rauf. Es gibt kein Riesenchaos. Für mich als Evaluator ist das ein sehr gutes Resultat."

    Die Flugzeuge sind nicht gekommen, Portugal ist kein Drogen-Slum geworden.
    Quelle

    Legalized! Kiffer feiern die Freigabe von Marihuana in den USA
    Neue Suchtstoffe: Uno warnt vor Designerdrogen-Schwemme
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    Mach ich mal nix neues für auf, passt gut hier rein^^

    Das uruguayische Experiment
    Erstmals will ein lateinamerikanisches Land den Handel von Cannabis verstaatlichen. Es ist eine Kehrtwende auf dem vom Drogenkrieg gezeichneten Kontinent.

    Es war ein Tag im Januar, als der Kleingarten von Alicia Castilla, 68 Jahre alt, von fünf Polizeistreifen umstellt wurde. Jemand hatte Alicia Castilla verraten. „Die Polizei war wohl auf der Suche nach der weiblichen Variante des kolumbianischen Drogenbosses Pablo Escobar“, sagte Alicia Castilla später in einem Interview. Sie fanden eine grauhaarige alte Dame, die liebevoll 29 Cannabispflanzen in ihrem Garten gezüchtet hatte. Sie wurde festgenommen und verbrachte 95 Tage im Gefängnis.

    Zwei Jahre ist die Razzia in Alicia Castillas Kleingarten nun her. Eine groteske Überreaktion des Staates. Denn in Uruguay ist der Drogenhandel zwar verboten, aber der Marihuanakonsum erlaubt, und zwar schon seit 1975. Die Herkunft des Stoffes ist also eine Grauzone.

    Doch nun wurde Alicia Castillas Fall zum Anlass für eine der bemerkenswertesten Reformen in ganz Lateinamerika: In Uruguay soll der Staat den Vertrieb von Marihuana übernehmen. Ein Gesetzentwurf sieht eine neue Behörde vor, die den Anbau und den Verkauf von Marihuana übernimmt und reguliert. Auch der Eigenanbau – sechs Pflanzen pro Person – soll gestattet sein.

    Cannabis in Europa:

    Deutschland
    Anbau, Herstellung, Einfuhr, Ausfuhr, Handel und Besitz von Cannabis sind nicht erlaubt, weil der Wirkstoff Tetrahydrocannabinol unter das Betäubungsmittelgesetz fällt. Wer Cannabis aber konsumiert, geht straffrei aus, auch der Besitz von sogenannten geringen Mengen wird in der Regel nicht geahndet. Diese Mengen sind in den Bundesländern unterschiedlich: in Berlin sind es etwa 15?Gramm, in Bayern nur 6. Derzeit wird eine einheitlichen Freigrenze geprüft.

    Niederlande
    Der Konsum von Cannabis ist illegal, wird aber geduldet und daher bei geringen Mengen nicht bestraft. Coffeeshops dürfen Cannabis unter Auflagen verkaufen, sie müssen die Droge aber auf dem Schwarzmarkt besorgen, denn die Herstellung ist verboten.

    Dänemark
    Auf dem Gelände der Freistadt Cristiania in Kopenhagen wurde der Handel und Konsum von Cannabis über dreißig Jahre lang toleriert. Seit Beginn des Jahrtausends gab es dort jedoch mehrere Razzien und Festnahmen.[/quote]

    „Ich fürchte nicht die Drogen, sondern den Drogenhandel“, sagt Präsident José Mujica. „Ich muss immer mehr Geld für die Polizei, für die Gefängnisse und all die Folgen ausgeben, und dabei fehlt mir das Geld für die Kranken.“ José Mujico, ein Ex-Guerrillero, 77 Jahre alt, will zwar selbst noch nie einen Joint geraucht haben, trotzdem sagt er: Wenn der Staat das Marihuanageschäft übernehme, dann sei die Gefahr gebannt, dass Dealer ihren Kunden härtere Drogen aufdrängen. Paco, die regionale Variante von Crack, ist ein großes Problem in Uruguay.

    In der Hauptstadt Montevideo ist das Rauchen von Marihuana sozial akzeptiert, nicht aber auf dem Land. 64 Prozent der 3,2 Millionen Uruguayer sind gegen den Gesetzesentwurf. Der ist auf seinem Weg durchs Parlament immer wieder auf Widerstand gestoßen. Zu den Gegnern gehört Mujicas Vorgänger Tabaré Vázquez, ein Krebsspezialist, der gute Chancen hat, nach Mujica nochmal Präsident zu werden.

    „50 Jahre falsche Drogenpolitik“

    Einer der Initiatoren des Entwurfs ist Julio Bango. „Die bisherige Drogenpolitik leitet uns seit fast 50 Jahren weltweit und hat sich als absoluter Fehlschlag erwiesen“, sagt er. Diese Meinung ist in Lateinamerika inzwischen sehr verbreitet, weit über das kleine Uruguay hinaus.

    „Wir denken, dass der weltweite Krieg gegen die Droge heutzutage mehr Schaden anrichtet als der Drogenmissbrauch selbst“, schrieben schon 1998 einige Ex-Staatschefs aus Lateinamerika an UN-Generalsekretär Kofi Annan. Zehntausende waren damals bereits im kolumbianischen Drogenkrieg umgekommen. Er begann zu der Zeit, auf die Nachbarländer überzugreifen. Unterdessen machte die kolumbianische Regierung ihre Militärs zu Polizeieinheiten und ließ sie im Rahmen des bereits 1972 von Richard Nixon ausgerufenen „War on Drugs“ – des Kriegs gegen die Herstellung, den Handel und den Konsum von Drogen – Kokaplantagen mit hochgiftigen Herbiziden zerstören.

    In dieser Zeit zur Legalisierung von Drogen aufzurufen, war ein Tabu. Heute wird dieser Vorschlag offen diskutiert. Den Durchbruch brachte 2012 ein Gipfel der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) im kolumbianischen Cartagena. Die Staatschefs diskutierten dort zwar keine Alternativen zum absoluten Verbot, aber sie waren sich immerhin einig, dass die Wirksamkeit der repressiven Politik überprüft werden müsste.

    Das Sekretariat der OAS veröffentlichte daraufhin einen gut hundert Seiten starken Bericht mit dem Titel „Das Drogenproblem in Amerika“. Der enthielt zwar kaum Daten, die nicht schon woanders in ähnlicher Form publiziert worden waren. Neu aber war, dass der Bericht eindeutig für eine Liberalisierung plädierte. Der OAS-Generalsekretär José Miguel Insulza präsentierte ihn wie eine Grundsatzerklärung: Im Juli reiste er nach Montevideo, um Präsident Mujica den Report zu überreichen. Eine deutliche Geste der Unterstützung für das uruguayische Experiment.

    Auf Amerika entfallen dem Bericht zufolge 151 der 320?Milliarden Dollar, die jährlich weltweit mit Drogen umgesetzt werden. 40?Milliarden sei das Kokain wert, das in Amerika verbraucht wird, rund 800?Tonnen Kokain würden in Kolumbien, Peru und Bolivien erzeugt – im Wert von 84 Milliarden Dollar.

    Das sind grobe Schätzungen. Für Marihuana schwanken die Angaben noch stärker, schließlich wächst die Pflanze so gut wie überall in den wärmeren Teilen des Kontinents. Aber dem Bericht zufolge konsumieren weltweit drei bis vier von fünf Konsumenten illegaler Drogen Cannabis. Es hat also durchaus Sinn, mit der Liberalisierung bei Marihuana zu beginnen.

    Staaten vor dem Zusammenbruch

    Wenn ein Kokablatt als weißes Pulver beim Konsumenten ankommt hat es seinen Wert um das Fünfhundertfache gesteigert. Diese riesigen Profite, so die Annahme, gehen einher mit der Gewalt, die ganze Staaten an den Rand des Zusammenbruchs bringt. 40 Prozent der Morde hängen in Kolumbien mit dem Drogenhandel zusammen, heißt es in der Studie der OAS.

    Während die Profite umso größer werden, je näher die Droge dem Endverbraucher kommt, sinkt die Gewalt. Nach der Schlussfolgerung des Berichts ist es eher die Schwäche des durch Drogenhandel korrumpierten Staates in den Erzeuger- und Transitländern, die Gewalt nach sich zieht, und nicht der Profit des Drogenhandels an sich.

    Dass eine Liberalisierung auch negative Folgen hätte, leugnet der Bericht nicht. Ohne die Profite des Handels würden Drogen billiger. Damit könnten Konsum und Abhängigkeit steigen und sich in sozialen Schichten ausbreiten, die bisher davon weitgehend verschont waren. Die Folgen wären zerrüttete Familien, vernachlässigte Kinder und zerfallende Sozialstrukturen. Der Staat müsste das auffangen, vielleicht könnte er das, wenn er, wie Uruguays Präsident Mujica sagt, weniger Ressourcen für Polizei und Gefängnisse ausgeben müsste.

    Die Hoffnung, die Gewalt einzudämmen, ist das stärkste Argument für eine Liberalisierung. Auch die Zahl an einer Überdosis sterbender Konsumenten dürfte stark zurückgehen, wenn der Stoff, weil er staatlich kontrolliert würde, immer die gleiche Qualität hätte. Drogenkonsum sollte in erster Linie als Problem der Volksgesundheit und nicht der Strafverfolgung angesehen werden, heißt es in dem Bericht. Was genau geschehen soll, dazu gibt er jedoch kaum Empfehlungen.

    In den Gefängnissen Lateinamerikas zumindest würde sich die Lage wohl extrem entspannen. Das hat das Transnational Institute in Holland bereits 2010 festgestellt, das seit Jahren für die Liberalisierung plädiert. Wegen der strengen Drogengesetze sei etwa in Argentinien der Anteil der wegen Drogendelikten Inhaftierten zwischen 1985 und 2000 von einem auf 27 Prozent gestiegen; in Ecuador werde Drogenhandel unter Umständen härter bestraft als Mord. Die strengen Gesetze, so das Institut, hätten weder Produktion, Handel oder Konsum eingeschränkt, dafür aber Zehntausende wegen des Handels oder Besitzes kleinster Mengen hinter Gitter gebracht. So wie Alicia Castilla, die Kleingärtnerin aus Uruguay.

    Quelle
    Geändert von salviner01 (23.11.14 um 20:25 Uhr)
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    Wenn der Staat zum Groß-Dealer wird

    Es ist eine Weltpremiere: Nach einer Marathonsitzung hat der Senat in Montevideo einem neuen Marihuana-Gesetz zugestimmt. Damit ist Uruguay das erste Land, in dem der Staat Anbau, Verkauf und Konsum von Marihuana regelt.


    Uruguay wird künftig ein weltweit beachtetes Drogenversuchslabor. Der Senat des Drei-Millionen-Staats stimmte am späten Dienstagabend (Ortszeit) einem Gesetz zu, laut dem Anbau, Verkauf und Konsum in Zukunft vom Staat kontrolliert werden.

    Mit der Mehrheit der Sitze der linken Regierungspartei Frente Amplio verabschiedete die Kammer die Vorlage mit 16 zu 13 Stimmen. Das Abgeordnetenhaus hatte dem Gesetz bereits im August zugestimmt. Laut Regierungsangaben soll die Regelung dem Organisierten Verbrechen den Markt entziehen und verhindern, dass die Uruguayer zu härteren Drogen greifen.

    Der Chef der Nationalen Drogenbehörde Uruguays (JND), Julio Calzada, geht davon aus, dass der Marihuana-Verkauf in der zweiten Hälfte des kommenden Jahres beginnen kann. Das Gramm werde für rund einen Dollar (0,73 Euro) abgegeben. Laut Calzadas Meinung genügt das für einen großen Joint oder drei kleinere.

    Maximal 40 Gramm pro Monat

    Eine Behörde soll die Produktion übernehmen und den Handel überwachen. Der Eigenanbau - von sechs Pflanzen pro Person - soll ebenso gestattet sein wie der Konsum von maximal 40 Gramm pro Monat. Das Rauschgift wird in lizenzierten Apotheken zu Festpreisen verkauft. Minderjährigen bleibt der Konsum aber verboten, auch Werbung für Gras wird es nicht geben. Das Gesetz lässt die Bildung von sogenannten Marihuana-Clubs zu. Diese dürfen bis zu 99 Pflanzen anbauen. Zudem soll der medizinische Nutzen von Cannabis gefördert werden.

    Vorerst sollten nur etwa 20 Lizenzen für den Anbau und die Produktion von Marihuana vergeben werden, betonte der Chef der Drogenbehörde Calzada. Die maximale Herstellungsmenge solle zunächst bei 25 Tonnen pro Jahr liegen, was der Regierung zufolge der Produktion des Schwarzmarkts entspricht. Überwachen soll den Marihuana-Handel das Institut zur Regulierung und Kontrolle von Cannabis (IRCCA), das direkt dem Gesundheitsministerium angegliedert ist. Das IRCCA stellt die Lizenzen aus und kontrolliert die Produktion und den Verkauf. Auf dem Drogenmarkt in Uruguay wird zu 80 Prozent Marihuana angeboten. Laut Regierung konsumieren geschätzt 120.000 Menschen in dem Land regelmäßig Marihuana.

    "Der repressive Kampf gegen die Drogen ist gescheitert"

    José Mujica, der 77 Jahre alte linksgerichtete Staatschef, der die Initiative angestoßen hatte, weiß, dass er sich mit dem Projekt auf heikles Terrain begibt: "Ich verteidige das Marihuana nicht, ich fände besser, es existierte nicht", sagte er der brasilianischen Tageszeitung "Folha de Sao Paulo". "Aber wir werden einen Markt regulieren, vor dem wir nicht die Augen verschließen können, zumal der repressive Kampf gegen die Drogen gescheitert ist."

    Der Drogen- und Kriminalitätsexperte Edgardo Buscaglia hält das Experiment für richtig: "Uruguay ist ein guter Platz für solch einen Versuch", sagt der Leiter des International Law and Economic Development Centre in Mexiko. Es gebe weder viel Korruption noch große Präsenz des Organisierten Verbrechens. "Es ist aus gesundheitspolitischer Sicht eine gute Maßnahme." So werde die Kontrolle und Einheitlichkeit des Produkts überwacht, und der Staat nehme dazu noch Steuern ein. "Zuletzt bekommt der Staat einen Überblick über die Konsumenten", betont Buscaglia.

    Der Experte warnt allerdings vor romantischen Vorstellungen, dass man mit diesem Gesetz, die Kartelle aus dem Spiel nehmen könnte. "Es ist kein Allheilmittel, um das Problem der Drogenkriminalität zu lösen." Was die Kartelle am Marihuana-Markt verlören, holten sie sich bei synthetischen Drogen und Kokain zurück. "Das Organisierte Verbrechen reagiert sehr schnell und flexibel auf veränderte Bedingungen", so Buscaglia.

    Dennoch hofft er, dass das Gesetz greift: Der "Krieg gegen die Drogen", den der damalige US-Präsident Richard Nixon vor gut 40 Jahren ausrief, ist weitestgehend gescheitert. Nach vier Jahrzehnten Kampf sind weder die Produktion von Rauschmitteln noch deren Konsum wesentlich zurückgegangen.

    Dafür aber sind in Lateinamerika, wo der Großteil der weltweit konsumierten Drogen hergestellt wird, Gewalt, Korruption und Militarisierung gestiegen, das Organisierte Verbrechen blühte erst richtig auf. In der Folge leiden gerade die Staaten zwischen Mexiko und Argentinien mehr als jede andere Region unter dem Drogenkrieg und beklagen die höchsten Mordraten der Welt.

    Daher machen sich immer mehr Experten, Politiker und Ökonomen der Region für eine zumindest teilweise Legalisierung des Stoffes stark, vor allem die Ex-Präsidenten Kolumbiens, Mexikos und Brasiliens, César Gaviria, Ernesto Zedillo und Fernando Henrique Cardoso. Da der "War on drugs" nicht mit Gewehren und Geld zu gewinnen sei, sollten zumindest weiche Drogen legalisiert und der Handel staatlich reguliert werden, fordern sie.

    Quelle
    Geändert von salviner01 (23.11.14 um 20:28 Uhr)
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    40 gramm im monat!?alter falter da qualme ick nen jahr dran...nur schade das man als nicht einwohner trotzdem nix legal bekommt

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    Uruguay erlaubt Kauf von zehn Gramm pro Woche
    Nun gibt es Details zur Cannabis-Freigabe in Uruguay: Bis zu zehn Gramm pro Woche sollen erlaubt sein. Auch der offizielle Preis wurde festgelegt.

    In Uruguay sind Einzelheiten zum legalen Handel mit Cannabis bekanntgegeben worden. Registrierte Kunden können demnach pro Woche zehn Gramm der Droge kaufen, wie der Vorsitzende des Nationalen Drogenrats, Diego Cánepa, am Freitag (Ortszeit) mitteilte. Der offizielle Preis sei auf 20 bis 22 Pesos (62 bis 69 Cent) pro Gramm festgesetzt worden.

    Angesichts eines Konsums von insgesamt 18 bis 22 Tonnen Cannabis pro Jahr sei eine Anbaufläche von höchstens zehn Hektar nötig, sagte Cánepa. In Kürze werde eine Ausschreibung für Produzenten gestartet. Am Ende sollen zwei bis sechs Lizenzen für den Anbau von Cannabis vergeben werden. Der Verkauf in lizenzierten Apotheken soll demnach im Dezember beginnen.
    Jeder Sechste raucht täglich

    Uruguays Präsident José Mujica hatte das umstrittene Gesetz zur Legalisierung der Droge Ende Dezember unterzeichnet. Demnach dürfen registrierte Konsumenten, die älter als 18 Jahre sind, künftig auch Cannabispflanzen zum Eigenverbrauch anbauen. Bislang war in dem kleinen lateinamerikanischen Land lediglich der Konsum von Marihuana, nicht aber dessen Verkauf erlaubt. Der Schwarzmarkt blühte.

    Das neue Gesetz räumt dem Staat das Recht auf „Kontrolle und Regulierung von Import, Export, Anbau, Ernte, Produktion, Erwerb, Lagerung und kommerziellen Vertrieb von Cannabis und seinen Nebenprodukten“ ein. Nach Angaben des Nationalen Drogenrats konsumieren 128.000 der 3,2 Millionen Uruguayer regelmäßig Cannabis, jeder sechste von ihnen täglich.

    Quelle

    Alter Falter, was n Kurs :inlove:
    Geändert von salviner01 (23.11.14 um 20:29 Uhr)
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