Wüstenwinzling auf Weltmachtkurs
Mit Ölmilliarden zur globalen Wirtschaftsmacht

Das Emirat Katar ist winzig. Doch in der Wirtschaft lässt der Öl-Staat die Muskeln spielen. Wie ein Krake greifen die Scheichs nach Unternehmen auf der ganzen Welt.

Knapp 1,7 Millionen Einwohner, halb so groß wie Hessen: Unter normalen Umständen wäre Katar ein Zwergstaat. Ein internationales Leichtgewicht, das auf ewig im Schatten mächtiger Länder wie China oder den USA steht. Doch in Katar ist nichts normal. Den Unterschied macht natürlich: das Geld, viel Geld.

Katar verfügt dank riesiger Öl- und Gasreserven über unermesslichen Reichtum. Gemessen an der Wirtschaftsleistung pro Kopf ist es das wohlhabendste Land der Welt. Und der Emir von Katar – unumschränkter Herrscher des Wüstenstaats – ist einer der reichsten Royals. Geschätztes Privatvermögen: bis zu 1,9 Milliarden Euro.

Kein Wunder, dass der Scheich ab und an ein wenigen mit seinem Geld klimpert. Vor kurzem erst kaufte er sechs griechische Inseln. Dort will er dem Vernehmen nach Paläste für seine drei Frauen und 24 Kinder bauen – wenn ihm die griechischen Behörden nicht noch einen Strich durch die Rechnung machen.

Kühle Rechner aus der Wüste
Doch so spektakulär derartige Luxus-Einkäufe auch sein mögen: Viel wichtiger sind die zahlreichen Beteiligungen des Emirs.
Katar ist längst ein Schwergewicht unter den internationalen Finanzinvestoren. Machtinstrument Nummer eins ist die „Qatar Investment Authority“ (QIA), ein staatlicher Investmentfonds. Über wie viele Geld die QIA verfügt, weiß man nicht. Der Fonds ist verschwiegen und gibt keine harten Daten heraus. Der Internationale Währungsfonds schätzt das Volumen der Auslandsinvestitionen auf 136 Milliarden Euro.

Die Verschwiegenheit der Katar-Investoren macht die Aktionen ihres steinreichen Fonds nur noch interessanter. Fest steht: „Die Haushaltsüberschüsse werden über die QIA vor allem im Ausland investiert“, wie Farouk Soussa, Katar-Experte bei der Citibank, berichtet. Und dort sorgen die Einkäufe und Überweisungen regelmäßig für Aufsehen. Kein Wunder: Schließlich sucht sich Katar regelmäßig Perlen der westlichen Industrienationen für seine Investitionen aus. Die QIA preist sich selbst als „Weltklasse-Investor“, der „auf dem allerhöchsten Level globaler Investitionen operiert“.

Die spektakulärsten Beispiele:

– Porsche
Im Sommer 2009 ist Katar über die Qatar Holding bei Porsche eingestiegen und hat zehn Prozent der Porsche-SE-Stammaktien gekauft. Die Investition war auch das Sprungbrett zum Einstieg bei VW: Katar erwarb Aktienoptionen für VW-Papiere, die es später einlöste.

– Volkswagen
Bei Europas größtem Autobauer ist Katar mittlerweile Großaktionär. Das Emirat hält 17 Prozent der Stammaktien. Mehr besitzen nur das Land Niedersachsen und die Familien Porsche und Piëch. Auch im Aufsichtsrat sitzt ein Katar-Vertreter: Hussain Ali Al-Abdulla, Vizepräsident der Qatar Holding, einer Tochtergesellschaft der QIA.

– Deutsche Bank
Deutschlands größtes Geldhaus wird derzeit kräftig umgebaut. Teil der Neupositionierung könnte ein Einstieg Katars sein. Laut einem Bericht der Financial Times (FT) soll Katar 100 Millionen Euro in die Deutsche Bank investiert haben. Das Frankfurter Institut wollte sich dazu nicht äußern.

– Barclays
Bekannt und bestätigt ist die Milliarden-Beteiligung an einem anderen europäischen Finanz-Schwergewicht. An der britischen Großbank Barclays hält Kater rund sieben Prozent und ist damit der größte Anteilseigner. Katar kam der Bank 2008 zu Hilfe, als das Institut infolge der Finanzkrise schwer ins Trudeln geraten war.

Was hinter den Einkäufen der Scheichs steckt
Auch hier schnappte Katar zu:

– Privatbank Merck Fink
Gleich mehrere Banken auf einmal erwarb Katar im vergangenen Jahr, indem es die belgische Bankgruppe KBC kaufte. Zu der Gruppe gehört auch die die traditionsreiche bayerische Privatbank Merck Finck & Co. Preis für das edle Bankenpaket: rund eine Milliarde.

– Hochtief
Die Scheichs schwören offenbar auch auf deutsche Bauingenieurskunst. Am Baukonzern Hochtief halten sie sehn Prozent.

– Total
In dieser Branche kennt sich Katar aus: An dem französischen Energiekonzern Total hält das Land seit April drei Prozent.

– Harrods
Luxus findet Luxus: 2010 schluckte Katar das Londoner Nobelkaufhaus für geschätzte 1,8 Milliarden Euro.

– Printemps
Nochmal Luxus: Die edle französische Kaufhauskette gehört seit diesem Jahr ebenfalls den Scheichs. Geschätzter Kaufpreis: 1,6 Milliarden Euro. In Paris, Marseille und Nizza sollen neue Filialen eröffnet werden.

– Paris St. Germain
Das Kuriosum unter Katars Investitionen. Der Pariser Fußballclub gehört dem Wüstensstaat seit zwei Jahren. Die kostspielige Verpflichtung der Fußball-Legende David Beckham brachte dem Verein öffentliches Aufsehen. Sportlich ausgezahlt hat sich der nicht minder teure Einkauf des Schweden-Dribblers Zlatan Ibrahimovic.

Gemischtwarenladen für die Wüstensöhne
Mit ihrem Geld haben sich die Scheichs aus Katar einen milliardenschweren Gemischtwarenladen zusammengekauft. Eine tiefere Strategie scheint zumindest auf den ersten Blick nicht zu erkennen. Tatsächlich existiere auch gar keine überwölbende Strategie, meint Katar-Experte David Roberts von der britischen Denkfabrik RUSI. „Die Strategie ist: Investiere, wenn du damit politisch punkten kannst, investiere in Schlüsselindustrien, investiere in verschiedene Branchen- und Regionen.“

Diese Einschätzung deckt sich weitestgehend mit der etwas schwammigen Selbstbeschreibung der Qatar Investment Authority. Auf deren Internetseite heißt es: „Die QIA dient der Regierung und dem Volks von Katar, indem sie die Wirtschaft Katars stärkt. Sie tut dies, indem sie in verschiedene Bereiche und Regionen investiert.“

Der Masterplan
Hinter der scheinbaren Willkür lässt sich ein Kalkül erkennen: Katar will sich langfristig unabhängiger von Öl- Und Gasverkäufen machen und sich für die Zeit nach der fossilen Ära rüsten. Außerdem knüpft das Land durch seine Investitionen zahlreiche Kontakte und erhöht sein politisches Gewicht. Als Zwergstaat, der von recht unberechenbaren Staaten wie Iran umgeben ist, kann das nicht schaden. Demselben Zweck dient die Kooperation mit den USA, die in Katar ihr Nahost-Hauptquartier unterhalten.

Die Scheckbuch-Strategie scheint aufzugehen. Katar wird international zunehmend wahrgenommen. Der bislang größte Coup war der Zuschlag für die Fußball-Weltmeisterschaft 2022. Auch die Skepsis gegenüber den Beteiligungen an westlichen Firmen nimmt ab. Einerseits, weil gerade in Europa viele Staaten mit der Rezession kämpfen und liquide Investoren brauchen. Aber auch, weil sich Katar bislang als solider und langfristig orientierter Investor erwiesen hat.

Lob von Merkel
Angela Merkel (CDU) hat mit dem Expansionskurs kein Problem. Im Gegenteil: „Katarische Investitionen sind in unserem Land sehr willkommen“, sagte die Kanzlerin im April bei einem Wirtschaftsforum in Berlin. Das Emirat habe sich in den vergangenen Jahren zu einem „wichtigen Akteur“ entwickelt, lobte Merkel.
Stoppen kann Katar wohl nur eins: Ein drastischer Verfall der Öl- und Gaspreise. Ohne die sprudelnden Einnahmen aus dem Rohstoffgeschäft säßen die Wüstenkapitalisten auf dem Trockenen.
Quelle

Umstrittene Fußball-WM 2022 - Zwanziger: Katar-Reichtum ist wie ein Krebsgeschwür