86 Prozent Trefferquote
Kommissar Computer: So will Bayerns Polizei Einbrüche vorhersagen
Keine Science-Fiction, nur Algorithmen: Die bayerische Polizei testet das Computer-Programm „Precobs“ in München und Mittelfranken. Die Software errechnet, wann und wo die nächste Tat am wahrscheinlichsten ist – und dann sind die Polizisten schon vor Ort.

„Das ist kein Minority Report“, sagt Günter Okon, Analysespezialist beim Landeskriminalamt (LKA) in Bayern. Tatsächlich erinnert das Programm „Precobs“, dessen Einführung er fachlich begleitet, aber ein bisschen an Steven Spielbergs Thriller, in dem Verbrechen ermittelt werden, bevor sie passieren. „Predictive Policing“ heißt das, also „vorhergesagte Polizeiarbeit“. Und die Technologie dafür gibt es schon, auch wenn sie weniger futuristisch klingt als in einem Science-Fiction-Film. „Da liegen ganz einfach Mathematik und Erkenntnisse aus der Kriminalstatistik zugrunde“, so Okon im Gespräch mit FOCUS Online.
Die Formel von Ort und Zeit

Die Software vom Institut für musterbasierte Prognosetechnik in Oberhausen soll nicht weniger als vorhersagen, wann und wo wahrscheinlich der nächste Einbruch verübt wird. Sie durchsucht Daten bereits verübter Einbrüche aus der Polizeistatistik mithilfe spezifischer Logarithmen und stellt so einen Zusammenhang zwischen Faktoren wie Zeit, Ort und Immobilien in der Wohngegend her. Die Prognosen sind keine Zauberei, sondern beruhen auf reiner Wahrscheinlichkeitsrechnung.

40 Prozent weniger Einbrüche in Zürich
Die Züricher Polizei nutzt das Programm seit einem Jahr, mit beeindruckendem Ergebnis: 86 Prozent der Prognosen waren zutreffend, die Zahl der Einbrüche sank um 40 Prozent. Auch erste Tests des LKA Bayern seien positiv verlaufen, sagt Okon zu FOCUS Online. Ein vollständiger Bericht liege noch nicht vor, aber: „Die Prognosen haben zum größten Teil gestimmt.“

Ab dem 13. Oktober wird „Precobs“ von den Polizeipräsidien in München und Mittelfranken genutzt – zunächst testweise bis Ende März 2015. „Gerade in der dunklen Jahreszeit, wenn typischerweise öfter eingebrochen wird, ergibt die Prüfung Sinn“, so Okon. Und gerade in München hat auch die Software Sinn: Die Zahl der Einbrüche stieg hier zuletzt von 1040 im Jahr 2011 auf 1450 im letzten Jahr, ein Zuwachs von 40 Prozent. „Wenn wir die Fallzahlen senken und mehr Erkenntnisse über die Täter gewinnen können, werden wir das Programm in allen Präsidien einführen.“

„Ein Programm für alle“
Für den Testbetrieb wurde „Precobs“ mit Informationen über alle Einbrüche der letzten sieben Jahre gefüttert und wird nun laufend ergänzt. Die Beamten in den Lagedienststellen der Präsidien könnten es laut Okon nach einem Schulungstag ohne großen Mehraufwand nutzen. Die Polizeiarbeit werde dadurch sogar wesentlich schneller: „Diese Arbeit müssten sich sonst 25 Kollegen in allen Präsidien machen, so rechnet ein Programm für alle.“

LKA beruhigt Datenschützer
„Precobs“ geht von rational handelnden Tätern aus, die ihre Einbrüche mit einer Kosten-Nutzen-Rechnung planen. Auf einer Straßenkarte zeigt es 250 mal 250 Meter große Quadrate in Rot, Gelb, Grün und Blau. Rote Bereiche sind am stärksten gefährdet. Die Karte wird nicht veröffentlicht, um keine Unruhe zu stiften: „Die Leute sollen sich nicht pausenlos bedroht fühlen“, sagt Okon. Auch greife das Programm auf keine personenbezogenen Daten wie Kennzeichen oder Funkzellenabfragen von Handys zurück, wie es beispielsweise bei ähnlichen Programmen in den USA der Fall ist.

Berechnet „Precobs“, dass in einer der Kacheln in naher Zukunft ein Einbruch zu erwarten ist, müssen die Beamten in den Lagedienststellen entscheiden: Streifen verstärken, Zivilbeamte postieren oder abwarten? „Das ist keine Black Box, die eine bloße Wahrscheinlichkeit rausgibt, und dann rennen wir los“, sagt Okon. Genaue Kosten für die Anschaffung und Programmierung des Programms will er nicht nennen, sie sollen aber rund 100.000 Euro betragen.
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