Kameraüberwachung auf dem Schulklo

48.000 Kameras an 2000 Schulen: Englands Kinder und Jugendliche werden gut überwacht - oft auf Toiletten und in Umkleideräumen. Ernste Probleme wollen die Direktoren so gar nicht bekämpfen, ihnen geht es eher um "typische Teenie-Sachen".


(dpa)

Londoner wissen, dass fast jeder ihrer Schritte auf der Straße gefilmt wird. Die Überwachungskameras hängen an Laternenmasten, Verkehrsschildern und Hauswänden. Kaum irgendwo sonst auf der Welt spähen so viele Kameras die Bürger aus. Aber wie sieht es an Englands Schulen aus? Werden die Kinder genauso beobachtet wie ihre Eltern in der U-Bahn? Werden sie womöglich auf der Toilette gefilmt?

Um das herauszufinden, schrieb die Protestgruppe Big Brother Watch, die für Bürgerrechte kämpft, im vergangenen Mai Briefe an 4092 weiterführende Schulen in Großbritannien: Wie viele Kameras sind in der Schule angebracht? Filmen einige dieser Kameras auch in Umkleiden oder auf den Toiletten? Hat die Schule das vorher mit den Eltern abgesprochen? Die Gruppe Big Brother Watch berief sich in ihrem Schreiben auf das Informationsfreiheitsgesetz, 2107 Schulen antworteten bis Anfang September. Jetzt hat die Organisation einen Bericht vorgelegt (siehe pdf), Er werde viele Eltern schockieren, sagte der Direktor der Organisation, Nick Pickles. Vermutlich hat er damit Recht, denn:

++ Insgesamt haben die rund 2000 Schulen 47.806 Kameras angebracht, 26.887 Kameras filmen dabei im Gebäude.

++ 206 Schulen haben sogar Kameras in Umkleiden oder Toiletten gehängt.

++ Im Schnitt kommt damit eine Kamera auf 38 Schüler. Es gibt aber auch Schulen, bei denen eine Kamera auf fünf Schüler kommt.

++ Big Brother Watch geht auf Grundlage der Zahlen davon aus, dass an allen weiterführenden Schulen in England, Schottland und Wales insgesamt 106.710 Kameras angebracht sind.

"Die Schulen müssen Rechenschaft darüber ablegen, warum sie diese Kameras benutzen und was mit dem Filmmaterial geschieht", forderte Pickles.

In London ist die Kameraüberwachung ziemlich lückenlos, seit den neunziger Jahren hat die Stadt massiv aufgerüstet. Fast überall wiesen plötzlich CCTV-Schilder Passanten darauf hin, dass eine Kamera sie überwacht. CCTV, das steht für Closed-Circuit Television. Proteste gab es dagegen kaum, den meisten Londonern ist es schlicht egal, dass sie gefilmt werden, wenn sie in die U-Bahn einsteigen. Wobei Experten die massive Überwachung durchaus kritisierten, sie sei teuer und bringe wenig.

Kameras sollen "typische Teenie-Sachen" kontrollieren

Aber warum überhaupt Kameras in Schulen? "Ich habe in 30 Minuten mehr über meinen Unterricht gelernt als in den vergangenen acht Jahren", mit diesem Zitat wirbt die britische Firma Classwatch auf ihrer Webseite. Filmaufnahmen in Schulen sollen also beispielsweise Lehrern helfen, ihre Unterrichtsmethoden zu überdenken. Der Klassenraum soll außerdem sicherer werden, heißt es auf der Webseite.

Das sagt auch Lesley Bowes, sie ist Schulleiterin an der britischen King Ecgbert Schule. Laut Bericht beobachten hier insgesamt zwölf Kameras die Toiletten und Umkleiden der Schule. "Es ist eine Sicherheitsmaßnahme für unsere Kinder", sagt sie. Wenn es beispielsweise den Verdacht gebe, dass ein Kind gemobbt werde, dann werden diese Aufnahmen angesehen. Sie versichert: "Die Kameras befinden sich nicht in der Nähe der Toilettenkabinen."

An der Wildern School in Südengland sind die Kameras auf die Waschbecken gerichtet, um jeden Schüler zu identifizieren - falls es zu einem Zwischenfall kommt. Auch hier beschwichtigt die Schulleiterin: "Die Bilder werden nicht angesehen, außer wenn ein Problem gemeldet wurde, und alle Bilder werden nach höchstens 30 Tagen gelöscht." Mit den Kameras wollten sie "typische Teenie-Sachen" kontrollieren, ob die Schüler rauchen beispielsweise. Die Kameras seien nicht wegen ernsthafter Probleme an der Schule aufgehängt worden.

Gewerkschaft entsetzt, Elternvertreter erfreut

Zwar dürfen britische Schulen in Umkleidekabinen filmen, allerdings sollten sie das nur in Ausnahmefällen tun, empfiehlt die britische Datenschutzbehörde ICO. Ein Sprecher des Bildungsministeriums sagte dem "Guardian", ie hätten bereits gehandelt, indem sie Schulen verbieten, ohne Erlaubnis der Eltern biometrische Daten wie Fingerabdrücke zu verwenden. "CCTV kann in einigen Fällen hilfreich sein, aber das ist eine Entscheidung, die Schulleiter treffen sollten." Wenn eine Schule sich dafür entschieden habe, müsse sie selbstverständlich die Datenschutzregeln einhalten.

Big-Brother-Watch-Chef Pickles sperrt sich nicht grundsätzlich gegen Aufnahmen in Umkleidekabinen. Er verlangt allerdings, dass Eltern und Schüler darüber Bescheid wissen - und dem vor allem zustimmen. Außerdem solle eine Behörde sicherstellen, dass niemand in die Privatsphäre der Schüler eindringt.

Sharon Holder von der Gewerkschaft GMB zweifelt, dass das gelingt. Sie sagte, der Bericht habe sie entsetzt: "Wie viele Eltern haben den Schulleitern die Erlaubnis gegeben, ihre Kinder zu filmen, wenn sie auf Toilette gehen und sich duschen? Was passiert mit den Aufnahmen hinterher?" Und: "Welche Probleme versuchen die Schulen zu lösen?"

Vielleicht werden die englische Eltern den Bericht auch achselzuckend hinnehmen, schließlich haben sie sich an Kameras längst gewöhnt. Siobhan Freegard, Mitbegründerin der Eltern-Webseite Netmums, sagte dem "Independent": Umkleidekabinen und Toiletten seien nun mal ein Ort, an dem gemobbt werde und an dem "schwieriges Verhalten" stattfinde. "Es ist ein Bereich, an dem Lehrer eher nicht sind", sagt sie. Deswegen seien Eltern wahrscheinlich recht froh über die Kameras.
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