Als dem Verkehr ein Licht aufging

In Deutschland gibt es etwa 1,5 Millionen Ampeln. Diese werden
auf absehbare Zeit unersetzbar bleiben. (Foto: dpa)
Meistens heißt es: warten! Zwei Wochen unseres Lebens verbringen wir an roten Ampeln. Doch Besserung ist in Sicht, die Lichtsignale werden immer intelligenter. Die grüne Welle per Smartphone-App könnte schon bald Realität werden.

Die Geschichte der Ampel beginnt, lange bevor es überhaupt Autos gibt. Und sie beginnt mit einem großen Knall. Schon Ende 1868 versucht man in London, das zunehmende Verkehrsaufkommen mit Lichtsignalen zu regeln. Diese Frühform der Ampelanlage wird mit Gas betrieben, zeigt ein rotes und grünes Lichtsignal und wird manuell von einem Verkehrspolizisten bedient. Allerdings quittiert die Anlage in der Nähe des Parliament Square ihren Dienst nach wenigen Tagen. Sie explodiert spektakulär und verursacht beim mit ihrer Bedienung betrauten Gesetzeshüter schwere Verletzungen.

Dank der Elektrifizierung feiert auch die Ampel knapp 46 Jahre später eine glorreiche Rückkehr. Der Innovationsgeist zweier Männer macht es möglich, dass die Ampel nun ihr 100-jähriges Jubiläum feiern darf. Der Polizist Lester Wire und der passionierte Erfinder Garrett Morgan gelten als Väter der elektrischen Lichtsignalanlage. Ihnen ist es zuzuschreiben, dass in Cleveland, Ohio am 5. August 1914 die weltweit erste elektrische Verkehrsampel in den USA in Betrieb geht.

Berlins berühmteste Ampel steht am Potsdamer Platz
In den frühen 1920er Jahren kommt die Ampel auch in Europa an: Ab 1922 wird der Verkehr in Paris per Lichtzeichen geregelt. Die erste Ampel in Deutschland steht - ebenfalls 1922 - in Hamburg. Die deutsche Hauptstadt Berlin kommt ab 1924 in den Genuss einer Ampelanlage. Ein Polizist bedient die berühmte turmartige Anlage händisch und regelt den gesamten Verkehr auf dem Potsdamer Platz, dem damals verkehrsreichsten Flecken Erde auf dem europäischen Kontinent. Dort steht noch heute ein Nachbau dieser Lichtsignalanlage.


Am Potsdamer Platz steht heute ein Nachbau von Berlins erster Ampel,
die 1924 den Betrieb aufgenommen hat. (Foto: dpa)
Was im frühen 20. Jahrhundert mit den Farben Rot und Grün sowie manueller Unterstützung durch Ordnungshüter beginnt, entwickelt sich über die Jahre zum Hightech-Instrument. Mit zunehmendem Verkehrsaufkommen hält die Ampel auch in kleineren Städten und Gemeinden Einzug. Parallel etabliert sich die Gelbphase als drittes Lichtsignal. Auch die Vielfalt unter den Lichtsignalanlagen wächst. Bis in die frühen 1970er Jahre sind in Deutschland die sogenannten "Heuer"-Ampeln in Betrieb, die den Verkehr per Zeiger-Signal regeln.

Heute sind nach Angaben von Siemens, einem der größten Ampel-Produzenten, alleine in Deutschland etwa 1,5 Millionen Lichtsignalanlagen im Einsatz. Sie sind Teil eines inzwischen hochtechnisierten, computergesteuerten Verkehrsleitsystems und verbrauchen dank energieeffizienter LED-Dioden deutlich weniger Strom als früher.


1924 auf dem Potsdamer Platz in Berlin. | © Siemens
Keine Zukunft ohne Ampeln
Auch in der zunehmend digitalisierten und vernetzten Zukunft wird sich die Ampel im Straßenbild behaupten, wie Wilke Reints bekräftigt: "Die Technik für den Dialog zwischen Fahrzeug und Infrastruktur gibt es schon heute und sie kann Erstaunliches leisten", sagt Reints, der bei Siemens Entwicklungsleiter für intelligente Verkehrssysteme ist. "Schon bald könnte unser Smartphone uns sagen, wie schnell wir für eine 'Grüne Welle' fahren müssen oder gar grünes Licht bei der Ampel anfordern. Andersherum könnten Ampeln einzelne Verkehrsteilnehmer vor Gefahrsituationen warnen."

Vor dem Hintergrund, dass statistisch jeder deutsche Autofahrer etwa zwei Wochen seines Lebens mit Warten an roten Ampeln verbringt, dürfte eine "ampelfreie" Zukunft für viele Menschen eine schöne Vorstellung sein. Dazu könnte es in ferner Zukunft kommen, wenn sämtliche am Verkehr teilnehmende Autos untereinander vernetzt und in der Lage sind, selbständig den idealen Verkehrsfluss zu berechnen. Selbst Ampel-Spezialist Reints erliegt dieser Idealvorstellung, gibt jedoch zu bedenken: "Es gibt ja noch Radfahrer und Fußgänger. Deshalb bleibt das auf absehbare Zeit wirklich nur ein Traum."

Mehr als nur ein Instrument zur Verkehrsregelung
Die in offiziellem Amts-Jargon als "Wechsellichtzeichenanlage" bezeichnete Ampel wird deshalb noch einige Jahre den Straßenverkehr regeln. Heutzutage ist die Lichtsignalanlage ohnehin längst viel mehr als nur ein Instrument zur Verkehrsregelung. Über die Jahre ist die Ampel selbst zum Kulturgut geworden und hat sich in vielen Bereichen des täglichen Lebens durchgesetzt. Per rot-gelb-grünem Farbcode wird vielerorts etwa der Nährwert von Lebensmitteln ausgewiesen und auch im politischen Geschehen ist die Ampel spätestens seit dem Aufstieg der Grünen angekommen.

Daneben sorgt die Lichtsignalanlage in ihrer nun 100-jährigen Geschichte auch für Kuriositäten. Man erinnere sich nur an die Proteste in Ostdeutschland, als nach der Wiedervereinigung das berühmte Ost-Ampelmännchen buchstäblich den Hut nehmen sollte. Doch auch vom anderen Ende der Welt kennt man kuriose Ampel-Geschichten. Im kommunistischen China wollte man in den 1960er Jahren die Signale der Lichtzeichenanlage umkehren, damit der staatstragenden Farbe Rot ein positiveres Image verliehen wird. Das Experiment ging schief und endete im Chaos. Deshalb heißt es in China, Cleveland und im Rest der Welt weiterhin: "Bei Rot bleibe steh'n, bei Grün kannst Du geh'n."
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